Die präzise Dokumentation historischer Restaurierungen an antiken Skulpturen ist eine grundlegende Aufgabe. Sie ermöglicht es der Archäologie, antike und neuzeitliche Bestandteile einer Skulptur voneinander abzugrenzen. Auch für die Erforschung historischer Restaurierungstechniken ist sie unverzichtbar.
Forschungsgruppe der HAWK untersucht Nymphenstatue in London
Eine interdisziplinäre Methode
Um eine fundierte Methode für die Dokumentation von Restaurierungen an antiken Skulpturen zu entwickeln, führte ein Team der HAWK eine Vorstudie durch. Sie bildet die Grundlage für weitere Forschungsprojekte. Die Vorstudie bündelte Fachwissen aus Kunst- und Restaurierungsgeschichte, Konservierungswissenschaft und digitalen Dokumentationsmethoden. In diesem Rahmen wurde eine interdisziplinäre Methode entwickelt und praktisch erprobt. Der Ansatz vereint die Analyse historischer Quellen, die Untersuchung der Objekte sowie die Analyse der Restaurierungen unter Einbeziehung moderner, nicht-invasiver digitaler Technologien.
Fragenstellung
Die zentralen Forschungsfragen unseres Projekts lauten:
- Wie lassen sich die Informationen aus schriftlichen historischen Quellen mit der direkten Untersuchung der Skulpturen in Beziehung setzen?
- Wie lässt sich Fachwissen verschiedener Disziplinen integrieren?
- Wie können die gewonnenen Erkenntnisse systematisch dokumentiert und visualisiert werden?
Die Fallstudie
Der methodische Ansatz wurde an einer antiken Statue einer Nymphe erprobt, die sich im British Museum in London befindet. Die Statue, auch als „Knöchelspielerin“ bekannt, weist noch Ergänzungen aus dem 18. Jahrhundert auf.
Herkunft der Nymphenstatue
Die Statue stammt aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und kam 1765 bei Ausgrabungen in Rom zum Vorschein. Sie wurde 1768 an den britischen Sammler Charles Townley verkauft und gelangte im 19. Jahrhundert ins British Museum.
Die Nymphenstatue als Zeugnis historischer Restaurierungsmethoden
Die Statue wurde ohne Kopf, Schulter, Hände und Füße entdeckt. Vor der Ausfuhr nach Großbritannien restaurierte der Bildhauer Giuseppe Angelini das Werk in Rom. Die Restaurierung schloss das Ergänzen aller fehlenden Teile ein. Im 18. Jahrhundert wurden Skulpturen im fragmentarischen Zustand nicht wertgeschätzt. Ergänzungen dienten dazu, Skulpturen wieder als vollständige Kunstwerke zu präsentieren. Die erhaltenen Ergänzungen machen die Statue der Nymphe heute besonders wertvoll für die Forschung.
Historische Quellen
Aus kunsthistorischer Perspektive bestand der erste Schritt der Fallstudie darin, die Restaurierungen des 18. Jahrhunderts im Kontext der damaligen Praxis einzuordnen. Schriftliche und bildliche Quellen aus der Zeit wurden ausgewertet, um die damaligen Restaurierungskriterien besser zu verstehen. Die Quellenrecherche führte unter anderem in das Archiv des British Museum.
Das Objekt als materielle Quelle
In der Konservierungswissenschaft steht das physische Objekt selbst im Mittelpunkt. Die Statue der Nymphe trägt die Spuren ihrer Biografie. Eine umfassende Untersuchung des Objektes – die sogenannte „Bestandserfassung“ – ist für die Rekonstruktion dieser Biografie unerlässlich. Die Untersuchungen am Objekt dienten auch zu einem systematischen Abgleich zwischen den Informationen aus historischen Quellen und materiellen Befunden.
Dokumentation der Statue im British Museum in London
Ein Team der HAWK untersuchte und dokumentierte die Statue der Nymphe im British Museum in London. Da sich die Skulptur in der Dauerausstellung befindet und das British Museum keinen wöchentlichen Schließtag hat, konnte die Datenerfassung nur in einem Zeitfenster von 1,5 Stunden vor der Öffnungszeit stattfinden. Die Dokumentation wurde auf fünf Tage verteilt. Dank der erfassten digitalen Daten ist eine Analyse des Objekts künftig unabhängig vom Standort und von zeitlichen Einschränkungen möglich.
Studierendenbeteiligung an der Dokumentation
Die Untersuchung der Statue band den Masterstudenten der Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft Jonas Schäfermeier ein. Jonas konnte durch die Beteiligung am Projekt seine Erfahrung in digitalen Dokumentationstechniken vertiefen und seine Kenntnisse über die Verfahren der Marmorbearbeitung einbringen.
Structured-Light-Scanning
Mithilfe eines Structured-Light-Scanners erstellte das Team der HAWK ein 3D-Modell der Statue. Die Skulptur wurde mit einer Oberflächenauflösung von 0,1 mm erfasst.
3D Multiband-Dokumentation
Nach der Erstellung des 3D-Modells wurden mit einer modifizierten Kamera Multiband-Aufnahmen in folgenden Wellenlängenbereichen erstellt:
- Sichtbares Licht (VIS)
- Ultraviolett-Reflektografie (UVR)
- Ultraviolett-Lumineszenz (UVL)
- Infrarot-Reflektografie (IRR)
Die Daten der Multiband-Aufnahmen wurden anschließend auf das 3D-Modell projiziert, um eine präzise Kartierung der Befunde zu erzielen.
Ergebnisse und Ausblick
Die Erstellung hochauflösender 3D-Modelle und die systematische Dokumentation ergänzter Bereiche eröffnen neue Möglichkeiten für die Geschichte der Restaurierung:
- Digitale 3D-Modelle erleichtern Vergleiche zwischen Skulpturen aus unterschiedlichen Sammlungen.
- Die Anwendung digitaler 3D-Modelle fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit.
- Die Modelle können für die Erforschung immer neuer Fragenstellungen genutzt werden. Neue Forschungsergebnisse lassen sich jederzeit in die bestehende digitale Dokumentation integrieren.
Erste Erkenntnisse aus dem Projekt wurden im Rahmen des Symposiums „Restoring Ancient Marbles: 18th-Century Theories and Practices from a Contemporary Perspective“ präsentiert, das 2024 am Istituto Centrale di Restauro, an der Sapienza Università di Roma und im Museo di Roma stattgefunden hat.
Die entwickelte Methode wird künftig auf weitere antike Skulpturen angewendet. Durch die Erstellung von 3D-Modellen mehrerer Skulpturen lassen sich Ergebnisse aus unterschiedlichen Kontexten effektiv miteinander vergleichen.
Eckdaten zum Projekt
Studiengänge
M.Sc. Konservierungs- und Restaurierungswissenschaft
Ziel
Entwickeln einer Methode für die Dokumentation historischer Restaurierungen an antiken Skulpturen.